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„Muss der Gipfel für alle gleich hoch sein?“

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Nach seinem Referat und dem anschliessenden Vertiefungsworkshop traf Infoklick.ch den renommierten Soziologen Prof. Dr. Ueli Mäder der Universität Basel für ein Interview.

Wir haben im gestrigen Referat von Prof. Dr. Thomas Zeltner gehört, dass es Führungspersönlichkeiten gibt, die ihre schwierige Kindheit als Chance genutzt haben und daraus viel Kraft für ihre spätere Karriere ziehen konnten.. Sie haben in ihrem Referat  von den Verdingkindern erzählt, welche ihre zum Teil schrecklichen Gewalterfahrungen in ihrem späteren Leben weitergegeben haben. Entweder haben sie sich selbst Gewalt zugefügt oder diese gegen andere gerichtet. Denken Sie, dass eine schwierige Kindheit das Gipfelstürmen erschwert?

Die Studien mit den Verdingkindern haben gezeigt, dass Kinder, die einen schwierigen Start hatten, oft über weniger Zuversicht verfügen. Dabei muss es sich nicht jedes Mal um Kinder handeln, welche Gewalt erlebt haben, sondern es kann auch sein, dass sie in ihren Familien nicht wahrgenommen oder ernst genommen wurden. Wenn Eltern oft gestresst sind, dann vermittelt das dem Kind weniger Zuversicht. Im neuen Armutsbericht des Bundes wird postuliert, dass sozial benachteiligte Kinder schulische Unterstützung erhalten sollen, um ihnen bessere Voraussetzungen zu ermöglichen. Dies kann jedoch nur zum Teil eine Hilfe sein, denn wenn die Familie unter finanziellem Stress leidet, ist das Problem mit einer Aufgabenhilfe noch nicht behoben. Der Stressfaktor ist ja immer noch vorhanden. Die Theorie, dass dort, wo ein Wille ist,  auch ein Weg ist, lässt sich meiner Meinung nach nicht auf Alle anwenden.

 

Was sagen Sie zu der Aussage, dass die Zeit zwischen 0 und 14 Jahren prägend für das weitere Leben sei?

Jedes Alter ist wichtig. Auch im höheren Alter kann man noch Dinge erfahren, die einen prägen. Es ist jedoch schon so, dass diejenigen Erfahrungen, welche im  Kindesalter stattfinden, eine starke Langzeitwirkung haben und dementsprechend auch einen Lebenslauf länger beeinflussen können.

 

Wie würden sie einen Gipfelstürmer oder eine Gipfelstürmerin definieren? Kann man das überhaupt?

Es gibt keine einheitliche Definition. Natürlich könnte man definieren, dass jener ein Gipfelstürmer ist, der am schnellsten auf dem Gipfel ankommt.  Jedoch kann derjenige, der  etwas länger braucht, genauso ein Gipfelstürmer sein. Nicht jeder verfügt über den gleich gut gefüllten  Rucksack  und braucht deshalb mehr oder weniger Zeit, um auf den Gipfel zu kommen (Anmerkung der Verfasserin: mit dem gefüllten Rucksack sind hier die Voraussetzungen gemeint, welche helfen, um einen Gipfel zu besteigen). Man sollte vielleicht zuerst definieren, was der Gipfel ist. Muss dieser für alle gleich hoch sein? Ist nicht der Abstieg genauso wichtig wie der Aufstieg? Und was nützt der schönste Gipfel, wenn man keine Zeit hat, die Aussicht zu geniessen?

 

Herr Mäder, Sie haben im Vertiefungsworkshop nach Ihrem Referat gesagt, dass Sie Interviews mit delinquenten Jugendlichen in Basel geführt haben. Können Sie uns erklären wie Sie vorgegangen sind, beziehungsweise wie Sie diesen Jugendlichen begegneten?

Als ich  den Jugendanwalt für diese Interviews anfragte, bezweifelte er, dass die Jugendlichen ins soziologische Institut kämen. Doch sie kamen und einzelne wollten sogar mehrmals kommen. Sie haben es einfach geschätzt, dass uns ihre Erfahrungen interessierten und wir verstehen wollten, wie es zu ihrer Delinquenz kam. Wenn man die Jugendlichen nicht auf ihre Übeltaten reduziert, zeigen sich vielfältige Kompetenzen, an die sich anknüpfen lässt. So  vermittelt man ihnen auch, dass man sie ernst nimmt. Ihr Tun hat ja immer einen Grund. Ihr Verhalten hat auch immer etwas mit der Gesellschaft und der Sozialisation zu tun.  Daneben ging es in den Gesprächen auch darum, eine Perspektive für die Jugendlichen ins Auge zu fassen, die einerseits ihren Wünschen entsprach, andererseits aber auch realisierbar ist.

 

Als letzte Frage käme ich gerne nochmals auf einen Punkt in ihrem Referat zurück. Sie haben darauf hingewiesen, dass Integration nicht immer die beste Lösung sei.

Eine vordergründige Integration kann beispielsweise zum Ausschluss führen, wenn Schnellschüsse gemacht werden. Eine hastig vermittelte Lehrstelle kann für einen Jugendlichen das genaue Gegenteil von Integration sein, wenn er diese, weil sie ihm nicht zusagt, nach ein paar Wochen wieder abbricht. Unter Integration von Jugendlichen verstehe ich, dass sie an der Gesellschaft teilhaben können und sich darin wohlfühlen. Um dies zu erreichen ist es wichtig, dass Jugendliche Zeit haben, sich eigenwillig und möglichst selbstbestimmt entwickeln zu können. Sie sollten nicht in ein Schema F gezwungen werden, denn dadurch geschieht Ausschluss. Eine gelungene Integration erfordert  eine gewisse Gelassenheit und die Bereitschaft, gemeinsam Verbindlichkeiten auszuhandeln.

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