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Stress kann bereits im Mutterleib beginnen

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Prof. Dr. Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich beantwortete im letzen Referat der diesjährigen Sommerakademie mit überzeugender Rhetorik und viel Charme die Frage „hat pränataler Stress Konsequenzen für die Entwicklung des Kindes?“.

Sie sei vor diesem Referat sehr nervös gewesen, erzählte Ulrike Ehlert gleich zu Beginn, da sie nicht gewusst habe, ob es möglich sei, ein komplexes Thema anderen Personen, die nicht in der Stressforschung tätig seien, adäquat erklären zu können. Wie sich im Verlauf ihres Vortrages herausstellte, konnte Ehlert dem interessierten Publikum durchaus einen sehr guten Einblick in ihr Forschungsfeld bieten. Die Entwicklung des Kindes, erklärte Ehlert, werde durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. So beispielsweise die sozioökologischen Bedingungen, das familiäre Umfeld, die soziale Unterstützung und genetische Faktoren, welche aus der Sicht der Psychologie allerdings mit grosser Vorsicht zu geniessen seien. Ebenfalls von Bedeutung seien die Faktoren des prä- und postnatalen Stresses, also Stress vor und nach der Geburt eines Kindes. Die Definition von Stress ist laut der Forscherin eine Bedrohungssituation, die im kognitiven, emotionalen und somatischen Bereich sowie beim Verhalten eine Reaktion auslöst. Wie ein Mensch auf Stress reagiert, ist abhängig von individuellen Voraussetzungen. Laut Ehlert hat jeder Mensch eine sogenannte Vulnerabilitätsschwelle, die einen Wert bestimmt, ab dem sich der Stress nicht mehr aushalten lässt. Bei manchen Menschen sei diese Schwelle tiefer, bei manchen höher. Jegliche Stresssituation, die unter dieser Schwelle sei, könne keine längerfristigen Schäden auslösen, erklärte Ehlert. Auch ein ungeborenes Kind nehme in diesem Fall keinen Schaden, wenn die Mutter etwas gestresst sei.

 

Pränataler Stress kann auch Jahre später noch nachgewiesen werden

Ehlert zeigte auf anschauliche Weise, dass zu prä- und postnatalen Stressoren unterschiedlichste physikalische, chemische und emotionale Einflüsse gehören. Dies umfasst die Belastung der Mutter im Zusammenhang mit der Schwangerschaft, kritische Lebensereignisse, Fehl- oder Mangelernährung, sowie die Verabreichung des Stoffes Glucocorticoid.  Glucocorticoide, die zur Klasse der Steroidhormone gehören und unter anderem den Stoffwechsel und das Nervensystem beeinflussen, können zwar für therapeutische Zwecke während einer Schwangerschaft eingesetzt werden, beeinflussen allerdings das spätere Stressverhalten der Kinder auf negative Weise. Ehlert konnte diesen Zusammenhang zwischen pränatalem Stress und der späteren Entwicklung der Kinder in verschiedenen Tests nachweisen. Einer davon war der „Trier Social Stress Test“: Dieser bestand darin, dass sich eine Person in nur zehn Minuten auf ein Vorstellungsgespräch mit zwei Experten oder Expertinnen vorbereiten musste und gleich darauf in das Gespräch geschickt wurde. Anschliessend musste die Testperson noch fünf Minuten lang schwierige Kopfrechenübungen machen. Um die Testperson noch mehr unter Stress zu setzen, wurden die Experten angewiesen, während des Gesprächs keine Miene zu verziehen. Kaum jemand wäre in einer solchen Situation nicht gestresst, doch Ehlerts Studie zeigte, dass Menschen, deren Mütter während der Schwangerschaft Glucocorticoid eingenommen hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe eine deutlich stärkere Stressreaktion zeigten.

 

Der Zusammenhang zwischen der Einnahme von Glucocorticoid und des späteren Stressverhaltens des Kindes, ist überraschend, doch Ehlert machte in ihrer Studie noch eine weitere interessante Beobachtung: Wenn männlichen Testpersonen die Gelegenheit gegeben wurde, ihre Frauen zur Vorbereitung des Tests mitzunehmen, waren sie weniger gestresst als ohne Begleitung. Bei Frauen verhielt es ich genau umgekehrt: In Begleitung ihres Mannes waren die Frauen gestresster, als wenn sie die Vorbereitung auf das schwierige Vorstellungsgespräch alleine absolvierten. Sie würde diesen Stresstest heute nicht mehr durchführen, erklärte Ehlert. Nicht weil ihr die Testpersonen leid tun würden, sondern aufgrund des enormen Aufwands. Zudem war die Stressforscherin der Ansicht, dass 20 Jahre Glucocorticoid-Forschung inzwischen genug seien und dass es an der Zeit sei, zu neuen Ufern aufzubrechen.

 

Ulrike Ehlert schaffte es in ihrem Referat, ein sehr komplexes Thema auf ein überschaubares Mass an Information zu reduzieren und es lebendig vorzutragen und sorgte damit für einen äusserst gelungenen Schlusspunkt für die Sommerakademie 2010.

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