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JUGEND UND KRIMINALITÄT: GENERATIONSBEDINGTE IDENTITÄTSFINDUNG?

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Das erste Referat an der diesjährigen Sommerakademie behandelte das Thema „Jugend und gesellschaftlicher Wandel aus kriminologischer Sicht“. Doch was verbindet Generationen und Kriminalität? Dr. Martin Brandenstein, Psychologe und Kriminologe am Institut für Strafrecht an der Universität Bern, erklärte den Zusammenhang zwischen der Jugend und der Kriminalität anhand des Konzeptes der Identität.

Generationen und Kriminalität: ein ungewöhnliches Paar? „Nein“, meint Dr. Brandenstein vom Institut für Strafrecht an der Universität Bern. „Was die beiden Konzepte vereinbart, ist die Altersspezifität.“ Statistiken zeigen, dass der Anteil straffälliger Erwachsener seit 1934 konstant blieb, während derjenige der Jugendlichen deutlich gestiegen ist. Wichtig sei aber, die Delikte zu unterscheiden: so stiegen vor allem Vermögensdelikte wie Diebstahl oder Dienstleistungsbetrug während Leib- und Lebensdelikte eher konstant blieben.

Wie lässt sich dieser Anstieg bei den Jugendlichen erklären? Auf der einen Seite werde heute strenger auf die Regeln geachtet, immer mehr Jugendliche werden angezeigt, erklärt Dr. Brandenstein. Auf der anderen Seite seien die Gründe jedoch tatsächlich oft generationsbedingt. Im Hinblick auf Jugendliche beziehen sich entwicklungskriminologische Befunde auf den Einfluss des elterlichen Erziehungsstils, das soziale Umfeld oder bio-psychische Veranlagungen, die zu stärkerer Impulsivität und Aggression geführt hätten. Die Straffälligkeit nehme jedoch nach der Jugend tendenziell ab. Ein veränderter Lebensstil mit mehr Verantwortung, ein Wendepunkt im Leben wie eine regelmässige Arbeit oder eine feste Partnerschaft sowie eine Neubestimmung des Selbstbildes seien Gründe einer Abwendung von der Kriminalität.

 

„Kinder unserer Zeit“

In diesem Zusammenhang spiele die Identität als generationenbedingtes Konzept eine wichtige Rolle, unterstreicht Dr. Brandenstein. Die Identität habe in verschiedenen Lebensphasen eine differenzierte Bedeutung. Bei Jugendlichen werde die Abhängigkeit vom sozialen Umfeld bewusst wahrgenommen und Grenzen – vor allem soziale – erlernt und akzeptiert. „Im Gegensatz dazu bedeutet die Identität bei Erwachsenen viel mehr eine nachhaltige Verfolgung von Lebenszielen und dauerhaften sozialen, auch intimen, Beziehungen. Komplexere Rollenspiele werden wahrgenommen, sei dies in einer Partnerschaft, in einer Freundschaft oder bei der Arbeit“, erklärt Dr. Brandenstein.

Die Identität kann – so der Psychologe und Kriminologe – somit als psychologische und gesellschaftliche Herausforderung angesehen werden. Die Identität sei die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft. Letztere gebe die „Requisiten“ vor, das heisst Anhaltspunkte und Instrumente zur Identitätsbildung. Eine bestimmte Zeit setze demnach bestimmte Lebensziele voraus, unter den jeweiligen sozialen, ökonomischen oder kulturellen Vorgaben. „Deshalb sind wir alle Kinder unserer Zeit, wie man so schön sagt“, so Dr. Brandenstein. Die Lebensabschnitte fühlten sich von Epoche zu Epoche anders an. Jungsein im Mittelalter sei nicht vergleichbar mit Jungsein im 21. Jahrhundert.

 

Vorbeugen statt behandeln

Generell lasse sich in der Wissenschaft eine Überforderung der Jugendlichen im Bezug auf die eigene Identitätsbildung feststellen. Die Einflüsse der heutigen Zeit führen zu einer Entsolidarisierung und Deindividualisierung. Die Nationalität als Identitätsanker werde durch die Globalisierung bedroht und die gesteigerte Strafmentalität als Symptome der allgemeinen Verunsicherung gedeutet. Dr. Brandenstein plädiert für eine „moderne Kriminalitätspolitik“. Seine Forderungen legen den Fokus viel mehr auf das Verstehen als auf das Bestrafen. Die Kriminalität solle als Eigenschaft der Gesellschaft, der Zeitepoche und vor allem des Alters verstanden werden. Eine vorsorgende Gesellschaftspolitik sei wichtiger als eine plakative, symbolische und repressive Kriminalitätspolitik, insbesondere im Hinblick auf Jugendliche. Nicht zuletzt sei Erich Kästners Satz eben immer noch wahr: „Die Kindheit ist unser Leuchtturm.“

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