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Sex, Crime und Zuversicht

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung auf die Kriminalität und die politische Sozialisation junger Menschen? Das Referat von Dr. crim. Jachen Curdin Nett provozierte an manchen Stellen, und forderte dabei mehr Vertrauen in digitale Jugendkultur.

Zum Einstieg muss erst die Frage geklärt werden, was mit digitalisierter Jugendkultur gemeint ist. Laut Jachen Curdin Nett ist die Digitalisierung ein bestimmendes Merkmal jugendlichen Verhaltens. Sie hat die Tendenz, folgende Lebensbereiche zu beeinflussen: 

  • Kommunikation mit Peergruppen findet zu einem grossen Teil via Internet statt. 
  • Liebe und Sex verschiebt sich vermehrt in den online Raum. Der Pornokonsum ersetzt zunehmend die Aufklärung.
  • Das Konsumverhalten wird stark vom Internet geprägt.
  • Produktive Aktivitäten werden im Internet abgewickelt. Beiträge, Äusserungen und die Vermarktung eigener Güter und Dienstleistungen sind möglich.
  • Jugendliche benutzen zur Informationsbeschaffung fast ausschliesslich das Internet.

 

Die Entwicklung der Jugendkriminalität

 

Jetzt beginnt die Zahlenschlacht. Aufbauend auf den Daten der Jugendstrafurteilsstatistik JUSUS hat Nett einige Diagramme erstellt, die interessante aber auch umstrittene Ergebnisse zeigen:

  • Bis 2010 wurden jedes Jahr mehr Jugendliche verurteilt. Danach findet ein Abwärtstrend statt, der bis heute anhält.
  • Pro verurteilter Person gibt es mehr Urteile als vorher.
  • Bei den jüngeren Alterskategorien bis 15 zeigt sich ein markanter Rückgang von bis zu 45 %.
  • Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund mit Wohnsitz in der Schweiz wurden seit 2010 über 20 % weniger verurteilt.
  • Bei jenen ohne Wohnsitz in der Schweiz fand im selben Zeitraum ein Anstieg von 11 % statt. Dies könnte mit der gestiegenen Anzahl Jugendlicher, die ohne Begleitung in der Schweiz leben zusammenhängen.
  • Gewaltdelikte sind zurückgegangen. Sogar stärker als die allgemeine Verurteilungsrate. 

 

Hier sieht Nett verschiedene mögliche Einflussfaktoren: 

  • Das überarbeitete Jugendstrafrecht von 2007 und 2010.
  • Die Zunahme der Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Dazu kommt, dass die meisten ein Smartphone besitzen und Beweismaterial erstellen können.
  • Erfolgreiche Präventionskampagnen gegen Gewalt.
  • Veränderungen in der sozialen Integration von immigrierten Menschen. 
  • Ganz besonders aber: der Wandel im Freizeitverhalten der Jugendlichen.

 

So werde zum Beispiel seit Jahren weniger Alkohol konsumiert. Das Ausgehverhalten habe sich auch verändert. "Jugendliche treffen sich vermehrt an privaten Orten, statt in Clubs", so Nett. Ausserdem habe Online-Gaming stark zugenommen. 

 

Die Folgen der Digitalisierung

 

Die Digitalisierung kann eine Fragmentierung jugendlicher Subkulturen verstärken. Abschottung ist einfacher, da Jugendliche mit gravierenden Persönlichkeitsstörungen, Gewaltfantasien oder extremistischer Ideologie schneller zueinanderfinden können. Das wirkt verstärkend und schirmt gegen Fremdeinflüsse ab.  Gewisse Kategorien von Delikten werden durch die stärkere Präsenz online verstärkt. Beschimpfungen und Verletzungen der Privatsphäre nehmen zu. Problematisch wird es im Bereich der Kinderpornografie. Sexting mit Bildern zwischen Minderjährigen ist nämlich nicht legal. Gelangen solche Bilder an Dritte, hat das immer öfter strafrechtliche Folgen.

 

Dadurch ergeben sich für Nett zwei Folgerungen/Thesen:

1. Durch verändertes Ausgehverhalten treffen Jugendliche weniger im öffentliche Raum aufeinander. Es kommt seltener zu Gewalt.

2. Spezifisches Problemverhalten kann sich verstärken, da mehr Möglichkeiten entstehen an Drogen, Gewalt und extremistisches Gedankengut zu gelangen. 

 

Auswirkungen auf die politische Sozialisation

 

Gemeint ist damit der Prozess der Meinungsbildung. Soll das gelingen, benötigt ein Mensch minimale kognitive Fähigkeiten und Interesse, sowie Sprachwissen. Daher ist die Alphabetisierung in Schulen wichtig. Ebenso wie ein gewährleisteter Zugang zu Informationen. In einer Gesellschaft ohne Meinungsfreiheit sind die Bedingungen erschwert. 

 

Als Individuum muss die Bereitschaft mitgebracht werden, selber Informationen zu beschaffen, unterschiedliche Sichtweisen wahrzunehmen und auch zu tolerieren. Schliesslich sollte die eigene Meinung anderen gegenüber vertreten werden können. 

 

Nachteile, die spalten

 

Von Filterblasen wird derzeit so viel geredet, dass einigen gehörig der Appetit auf Social Media vergangen ist. Die Abschottung von Subkulturen kann zu gestörter Wahrnehmung im Netz und der Verbreitung von Gewalt führen. Das ständig präsente Risiko einen Shitstorm auszulösen sieht Nett ebenfalls als Nachteil. 

 

Keine paternalistische Sichtweise

 

Es hat sich dennoch vieles zum Guten gewendet. Auch wenn das Leben für Jugendliche (in der Schweiz) nicht einfacher geworden ist, gab es noch nie so viele Wege zur Persönlichkeitsentwicklung wie jetzt. "Heute haben wir die Möglichkeit, an verschiedene Informationen zu gelangen", meint Nett und fährt fort, "meiner Meinung nach ist es eine paternalistische Sichtweise, zu sagen man müsse Kinder zu ihrer politischen Sichtweise erziehen."

 

Für Nett machen Warnhinweise auf verstörenden oder fragwürdigen Inhalten daher mehr Sinn als Verbote und Zurechtweisungen. Man muss sich im Klaren sein, dass junge Menschen ihren Weg teilweise alleine bestreiten können. Auf die Frage: "Verblödet unsere Jugend?", hat er eine Antwort: "Nein! Höchstens die älteren Generationen."

 

Text: Simon Schaffer

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