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Verschuldung erlaubt?!

Eine Definition von Verschuldung möchte Dr. Christoph Mattes eigentlich nicht geben: "Alle haben irgendeine Verschuldung. Aber ab wann ist es relevant? Braucht es eine bestimmte Anzahl an Gläubigern oder gar eine Betreibung?" Mit dem Thema Verschuldung befasst er sich dennoch wissenschaftlich, es ist sein Schwerpunktgebiet am Institut Sozialplanung an der Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW

 

Gemäss dem Sorgenbarometer "Pulsmesser 2015" stand die Angst vor Jugendverschuldung in der Gesellschaft an zweiter Stelle, nach hohen Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien. Dabei zeigen Studien, dass die Jugendverschuldung deutlich geringer ausfällt, als die meisten Menschen erwarten. Nur etwa 7 bis 8 Prozent der Jugendlichen haben Schulden. Interessant ist auch, dass Gymnasiast*innen durchschnittlich stärker betroffen sind, vermutlich, weil mehr finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen. Finanziell benachteiligte Jugendliche wirtschaften hingegen überdurchschnittlich planvoll.

Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

Positiver Effekt von Schulden

Ohne dass er Schulden schön reden möchte, weist er auf einen weiteren interessanten Aspekt hin: "Konsum kann – insbesondere bei Jugendlichen – eine sozialintegrative Funktion haben und materielles Stigma ersetzen." Dies, indem man nach Aussen den Anschein geben kann, dass man das Problem der Armut gar nicht hat, etwa wenn ein Teenager sich mit den gleichen Markenkleider kleidet, wie die Freunde.


Mattes sieht eines der Hauptprobleme in der Konsumwirtschaft, die einen grossen Beitrag an das Risiko einer Verschuldung leistet. Deshalb sei es auch wichtig, sich an der jeweiligen Lebenslage der Person zu orientieren: "Die jugendkulturelle Bedeutung von Konsum ist eine andere, als die Art und Weise, wie Erwachsene mit dieser Situation umgehen würden."


Wichtig sei, sich als Fachperson bewusst zu werden, dass Verschuldung zum Alltag der Betroffenen gehöre. Deshalb sollte sich die Unterstützung nicht nur um die Armut selber drehen, sondern Teil der Alltagsbewältigung sein. Auch solle man den von Verschuldung und Armut betroffenen Menschen zuhören: «Sie sind Experten ihrer eigenen Situation und haben mehr Erfahrung im Umgang mit Knappheit als Aussenstehende. Wir müssen von ihnen lernen, wie sie mit ihrer Situation umgehen.»

 

Selbstreflektierender Workshop
Für den anschliessenden Vertiefungsworkshop wählte Mattes ein interaktives Modell: Mittels Fragen galt es, das eigene Verhalten zu reflektieren. "Habt ihr eher kompensatorisches Konsumverhalten, einen Protestkonsum, einen Gesinnungskonsum oder ein individuelles, undefiniertes Konsumverhalten?", fragt Mattes.


Bereits hier merken die Teilnehmenden: Was wir wollen und wie wir uns tatsächlich verhalten ist nicht immer deckungsgleich. Auch wenn die meisten von sich sagen, dass sie bewusst, nachhaltig und regional einkaufen möchten, ertappen sich einige immer wieder dabei, dass sie auch kompensatorisch konsumieren. Als Beispiele führen sie eine bestandene Prüfung an, die es zu feiern gilt, oder eine strenge Woche, nach welcher man sich verwöhnen möchte. Die Erkenntnis: Zu verstehen, wie man selbst konsumiert, ist grundlegend, um zu verstehen, wie es zu Verschuldung kommen kann. Denn: Es ist manchmal gar nicht so einfach, Versuchungen zu widerstehen.


Anhand weiterer persönlicher Beispiele tauschen sich die Teilnehmenden über eigene Erfahrungen mit Armut, Verschuldung und Geldleihe aus. Eine Frau erzählt, dass sie sich als Kind Sachen zusammenklaute, da sie ihre Eltern, die in einer finanziell schwierigen Situation steckten, nicht belasten wollte. Ein Mann hatte als Student wenig Geld und erzählt, dass er viel mehr ein Schuldgefühl verspürte als existentielle Angst, dies wohl dank des Wissens um das soziale Auffangnetz der Familie. Eine alleinerziehende Mutter erzählt, wie sie Pfandflaschen zurückbrachte, wenn sie merkte, dass das Geld für das Essen knapp wurde.


"Ich hatte ein Aha-Erlebnis und gemerkt, dass ich doch einen Bezug zu diesem Thema, obwohl ich das zuerst gar nicht dachte", sagt eine Teilnehmerin. So erging es den meisten Teilnehmenden. Die Schlussfolgerung, dass Verschuldung viel häufiger vorkomme, als man denke, könne vielleicht helfen, Vorurteile zu brechen und die Situation tatsächlich aus einer anderen Perspektive – so das Ziel des Referats und des Workshops – zu betrachten.

Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Dr. Christoph Mattes, Dozent, Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

(Text: Eva Hirschi, Bilder: Raphael Hünerfauth)

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