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Tour de Science 1/2018: Der Balkan im digitalen Alltag – wie Jugendliche im Social Web ihre Herkunft inszenieren

Christian Ritter stellte am 12. Juni im Coq d’Or in Olten seine Forschungsarbeit vor zum Thema "Der Balkan im digitalen Alltag - wie Jugendliche im Social Web ihre Herkunft inszenieren". Das Referat der ersten Etappe der Tour de Science 2018 regte zum Nachdenken und Diskutieren an: Denn, auch wenn es im Vortrag um Jugendgruppierungen geht, rund um die Themen Identifikation, Zugehörigkeit und Stereotypen haben auch die Zuhörenden ihre Erfahrungen gemacht.

Christian Ritter stellt am 12. Juni an der Tour de Science seine Doktorarbeit vor.

Entlang verschiedenen Forschungsfragen hat er sich mit "Balkanbildern" im Social Web befasst.

Dabei stiess er auf viele Memes...

...und andere verspielte Collagen mit Elementen aus der Popkultur.

Aber auch mit Stereotypen spielen Jugendliche in ihren Bildern.

Gäste und infoklick.ch-Geschäftsleiter Markus Gander (Mitte) diskutieren über das Referat.

Christian Ritter steht beim Apéro für Fragen zur Verfügung.


Ein Schmunzeln geht durch die Reihen, als Christian Ritter durch die Bilder in seiner Präsentation klickt. Verschiedene Balkan-Memes, "Hello Shippy"-Sticker im gewohnten "Hello Kitty"-Look und Fotocollagen mit Selfies und Landschaftsbildern zeigt der Referent des ersten Tour-de-Science-Abend dem Publikum im Oltner Coq d'Or. Ritter hat sich in seiner Doktorarbeit mit diesen "Balkanbildern" beschäftigt. Über mehrere Jahre hinweg hat er untersucht, wie Jugendliche, deren Eltern aus dem Balkan in die Schweiz eingewandert sind, auf Social Media ihre Herkunft inszenieren. Ihre Wurzeln dienen dabei als "gemeinsamen Nenner", die Nationalität schafft Zugehörigkeit, ein Gruppengefühl. Und dabei werde online oft kein grosser Unterschied gemacht, aus welchen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens die Eltern stammen und welche Konflikte die Staaten untereinander ausgetragen hatten. Man ist "Balkaner".

 

Im Social Web – früher auf Portalen wie Netlog oder in Foren, heute auf Facebook, Instagram und Snapchat - wird eine ganz eigene "Balkan-Identität" geschaffen und zelebriert. Wenn auch die Inszenierung von Nationalismus kein neues Phänomen sei, erlebe es seit einigen Jahren eine "Renaissance", so Ritter. Dies aber nicht nur bei Secondos, sondern in allen Ländern und Schichten. Der wissenschaftliche Mitarbeiter und Fachreferent am Collegium Helveticum und Dozent am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich hat 2006 mit seinen Forschungen begonnen. Damals kamen die ersten Social Media Plattformen auf. Heute sind 94% der Jugendlichen in der Schweiz auf sozialen Netzwerken aktiv, wie die James Studie zeigt.

 

"Balkan-Glamour": Alles Gangster und Playboys?

 

Ritter hat für seine Forschungsarbeit auf verschiedenen Plattformen Postings auf offenen Communityseiten und Foren untersucht. Dabei hat er festgestellt: "Jugendliche nehmen gängige Stereotypen auf." So würden Männer aus Balkanländern in Filmen, den Medien und der Gesellschaft oft als Machos, Gangster und Playboys dargestellt. Genau diese Motive finden sich auf den Profilen und den Bildergalerien von Jugendlichen wieder. Selfies werden mit dem Playboy-Logo kombiniert oder aber Jungs inszenieren sich mit viel "Bling" als "Albo-Gangster". Für viele Zuschauer ein Aha-Effekt – und fast schon absurd: "Die Medien, die Gesellschaft und auch wir arbeiten und denken mit solchen Stereotypen. Und die Jungen nehmen dies dann auf und identifzieren sich damit. Wir drücken ihnen also dieses Image auf", stellt ein Teilnehmer beeindruckt fest.

 

Ritter spricht in dem Zusammenhang auch vom "Balkanglamour", den sich die Jugendlichen selber zuschreiben und zu dem es gar eigene Partyreihen gibt. Zum Balkanglamour gehören laut Onlinemeinung schicke Outfits – Männer in Hemden, Frauen in kurzen Kleidern - Schmuck, gestählte Körper, edle Parties. Dieser "Balkan-Glamour" ist für einige Zuschauer etwas, dass sie im Alltag und Umfeld ebenfalls beobachten können. So erzählt Musikstudentin Elena von ihrer Schwester, die einige Jahre einen Freund mit Wurzeln im Balkan hatte. Sie hätte sich in dieser Zeit in einer ganz anderen Welt bewegt, so Elena: "Sie hat sich anders gekleidet, war in anderen Clubs unterwegs und hat sich anders ausgedrückt." Für Elena, aber auch andere Referatbesucher, ist aber auch klar: Es geht bei diesen Inszenierungen nicht nur um die Nationalität und schon gar nicht etwas, was "typisch Balkan" ist. "Es geht um Zugehörigkeit, um Gruppenbildung – das ist menschlich", fasst es Fotografie-Student Claude zusammen. "Wer dazu gehören will, sich anpasst und sich entsprechende Gruppenattribute aneignet, wird auch aufgenommen in den Zirkel".

 

Schöne, perfekte Onlinewelt und Stereotypendenken

 

Und so sehr diese Zirkel online glimmern, "mit der Realität hat all dies oft nicht viel zu tunc, so Ritter. Denn eine Art von "Balkanbildern" fehlt in allen Foren und auf allen Plattformen: "Alltagsbilder werden kaum oder gar nicht gezeigt." Szenen aus dem normalen, alltäglichen Leben haben neben den glamourösen Partybildern, schönen Landschafts- und Ferienaufnahmen oder Memes und Collagen keinen Platz. "Dies weil man sich schämt dafür oder aber, weil man es gar nicht kennt", führt Ritter aus. Denn so würden viele Jugendlichen vieles nur aus Erzählungen ihrer Eltern und Verwandten kennen. Sie nehmen dies Geschichten und Eindrücke auf und lassen sie für sich online auf- und weitererleben.

 

Die Diskussion und Gedankengänge rund um den "digitalen Balkan" und Social Media im allgemeinen führten die Zuhörer und der Referent bei einem anschliessenden Apéro weiter aus. Geblieben ist allen vor allem eins: Wir alle denken – wenn auch ungewollt – oft stark in Stereotypen. "Ob wir wollen oder nicht, so schnell klassifizieren wir Menschen und ordnen sie unbewusst einer Schublade zu", fasst Philosophiestudent Camille das Fazit des Abends in Worte.

 

Wer mehr lesen und erfahren will über den digitalen Balkan, kann sich die Doktorarbeit als Buch hier bestellen.

Weitere Infos zum Thema und zum Anlass gibt es hier im Flyer.

 

Das Projekt Tour de Science ist eine gemeinsame Initiative von infoklick.ch und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV). Mit der Veranstaltungsreihe wollen die Organisationen den Dialog zwischen Forschung und Praxis anregen und zu aktuellen gesellschaftspolitischen und kontrovers diskutierten Themen im Kinder- und Jugendbereich Transparenz erarbeiten. Höhepunkt der Jahrestour ist jeweils die mehrtägige Sommerakademie.

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